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„Tracht ist gelebte Tradition“ – Interview mit Trachtenstylist Oliver Rauh

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Oliver Rauh ist Creative Mind-Berater, Fashionstylist, Creative Director, Fotograf und echter Trachtenliebhaber. Durch diese Kombination von Berufung und Leidenschaften weiß er ganz genau, wie er Tracht stilvoll und außergewöhnlich in Szene setzen kann –  als Stylist und als Fotograf! Im Interview erzählt er, wie sein modisches Interesse an der Tracht entstanden ist und gibt Tipps für ein Trachtenstyling mit Stil.

Wie bist du zu deinem Beruf gekommen?

Der Weg zu meinen heutigen kreativen Tätigkeiten war ein langer voller positiver Schicksalsfügungen. Aber am Ende auch sehr arbeitsintensiv. Glücklicherweise ist meine Arbeit gleichzeitig meine Leidenschaft und sicher mit ein Teil meines beruflichen Erfolges. Die Kurzzusammenfassung: Während meines Studiums der BWL hab ich mit einem Nebenjob in der Modebranche angefangen. Bei „Brendel Lunettes“ wurde meine Kreativität schnell entdeckt und ich war dann mit 23 plötzlich Presse- und Marketingleiter, und das neben dem Studium. Danach übernahm ich die gleiche Stelle bei der Ferdinand Menrad Gruppe, bevor ich als Advertising Director der Hugo Boss AG mit Peter Lindbergh oder Patrick Demarchelier arbeiten durfte.

Es folgten Jahre als Creative Director bei einer Werbeagentur und in der Küche von Constantin Rothenburg gestalteten wir gemeinsam die ersten Ausgaben der Zeitschrift „Qvest“. Und plötzlich war ich als „Fashion Director“ und damit auch als Fashionstylist gefragt. Da ich bei allen Arbeitgebern auch das „Visual Merchandising“ – die Deko also – wie auch Messestände mitgestalten musste, sagte ich natürlich ja, als mich die damalige Chefredakteuring Margit Meyer der deutschen „AD Architectural Digest“ anrief und mich fragte ob ich mir auch die redaktionelle Arbeit im Interior-Bereich zutraue. Und darüber bin ich zu einem meiner wichtigsten Kunden gekommen und darf heute Kataloge, Kampagnen und alle Messestände des Müncheners Möbellabels „Piure“ gestalten.

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Vor ca. 10 Jahren fing ich an auch hinter der Kamera zu stehen, als der Inhaber von „Kult Models“ meinte „Du leitest nun Jahre Fotografen und deine Teams und begeisterst mit deiner Menschlichkeit und Wärme, ich hätte gern Dich als Fotograf fürs nächste Kult Magazin“. Dank dieser positiven Schicksalsfügung durfte ich u.a. mit Weltstars wie Lady Gaga vor der Linse arbeiten. Da ich viel Vertrauen in meiner Arbeit geschenkt bekommen habe, hab ich dann auch drei Jahre als Gastdozent bei der „AMD Akademie für Mode und Design“ gearbeitet, da ich auch etwas schenken wollte. Status quo heute: Ich bin sehr dankbar mich heute als Selbstständiger auf den diversen kreativen Feldern bewegen zu können und dürfen. Vor allem aber, dass ich meinen Job Leidenschaft nennen darf.

Was hat dich zur Tracht gebracht?

Tatsächlich hat mich neben meinem modischen Interesse an der Tracht, eine negative Diagnose mit zur Tracht gebracht. Wenn ich vom hektischen Alltag abschalten muss, fahre ich nach wie vor gerne an meinen geliebten Tegernsee. Dort tank(t)e ich ungeheuer schnell Kraft und positive Energie und durfte die wahren Tegernseer schätzen und lieben lernen. Und da wird tatsächlich Tracht gelebt, sei es auf den wunderbaren Waldfesten – leider verwechseln da einige Städter den Laufsteg mit dem Trachtenfest  – oder beim guten Tegernseer Bier in der Lederhosn. Und bei den Trachtlern zählt einfach der Mensch doch sehr viel und das Kompliment „Du bist ein Pfundskerl“ bleibt im Herzen und in guter Erinnerung.

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Das geweckte Interesse ist nach wie vor groß. Und ich treibe mich auf Bauernmärkten rum, studiere alte Trachtenbücher und versuche auf meine Art und Weise Tracht lebendig zu bewahren.

 Was fasziniert Dich so an der Tracht?

Die klassische Tracht ist echt. Sie ist ein Lebensgefühl. Tracht ist ein Miteinander. Tracht ist gelebte Tradition. Tracht ist Freude. Tracht ist Handwerk. Und Tracht geht mit der Zeit, unterwirft sich aber nicht jedem Monat einem neuen Trend, wie es heute in der Mode leider üblich ist. Gut, in den Trachtenvereinen ist die Tracht eine Art „Uniform“, damit aber auch wunderbares Zeichen eines Miteinanders.  Außerhalb des Trachtenvereins darf heute auch individuell zusammengestellt werden.

Aber die größte Faszination modisch gesehen bleibt, dass Tracht Frauen und Männer mit jeder Figur gut aussehen lässt. Das schafft tatsächlich keine andere Mode. Daher finde ich auch, dass man nicht nur auf den Laufstegen der Metropolen, sondern auch auf dem Oktoberfest oder meinen geliebten Waldfesten die größte Ansammlung an schönen und gut gekleideten Menschen findet.

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Was sind für dich die Trachtentrends 2017? Welche Farben/ Materialien sind dieses Jahr im Trend?

Das schöne ist, es darf wie bei vielen „Ethno-Trends“ gemixt werden nach bester Laune. Und damit ist Tracht auch eine sehr individuelle Mode. Bei den Frauen sind es sicherlich die pastelligen Töne dieses Jahr sowie zarte „Möbelstoffdrucke“ und Leder bei den Dirndln. Aber auch der Trachtenrock mit handgestrickter Jacke feiert für mich sein Comeback. Es darf also auch wieder selbstgestrickt werden.

Für die jungen Mädchen haben die „Billigdirndl“ hoffentlich endlich ausgedient. Unter 20 darf die Rocklänge a bissl kürzer sein. Und gebusserlt wird die kommende Wiesn gern in schönen 50er Jahre-Blumendrucken. Bei den Burschen ist es sicher die blaue Stickerei auf der Lederhosn, die den städtischen Trachtenliebhaber erkennen lässt. Der moderne Slimfit-Janker bleibt, dazu etwas mehr Strickjanker oder für den Münchner wird sicherlich der „Trachtenpulli“ aus dem Schrank geholt. Was eine kleine Renaissance erfährt, ist die Stresemannhose.

Haupttrend ist aber definitiv, dass Handwerk gefragt ist und gerne auch der „Made in Europe“-Preis bezahlt wird. Gut daran: Tracht kommt nie aus der Mode und die Lederhose bekommt definitv mit den Jahren erst ihr schönstes Aussehen.

Was sind die  Trachten Must-Haves, die jede Trachtenliebhaberin haben/tragen sollte?

Kropfband oder feine Kette, kleine Ohrringe, Trachtenkorb bzw. kleine Handtasche, sehr gerne gestrickte Kniestrümpfe.

Was muss ein Trachtenliebhaber unbedingt tragen/haben?

Handgestrickte Loaferln oder Kniestrümpfe, einen Trachtenhut (die schönsten macht übrigens der Martin Wiesner), eine Hirschlederne, eine Trachtenweste und ein Trachtenhemd mit Leinenknöpfen (am Sonntag unbedingt in weiß) und einen anständigen schwarzen Trachtenschuh. Das wäre mal die Grundausstattung. In der Stadt, also zur Wiesn,  kommen noch ein Charivari und eine Taschenuhr dazu.

Welche (Damen-)Frisuren passen zu den aktuellen Trachtentrends?

Da bin ich jetzt ja nicht der Experte, aber für mich nach wie vor die tollen Flechtfrisuren – die am liebsten hochgesteckt. Und ab 50 bitte keine offenen, langen Haare mehr.

Welchen Schmuck trägt Frau zum Dirndl?

Ich bin ja Liebhaber des Kropfbandes in all seinen Varianten. Am liebsten hab ich aber die Samtbänder, bestickt oder mit einer tollen Brosche. Ansonsten bitte immer fein und schmeichelnd. Also auch gern Omas Perlen rausholen oder wunderbaren Grandelschmuck.

Welches Schuhwerk trägt die Dame zur Tracht?

Mit dem (schwarzen) Trachtenschuh liegt man immer richtig. Kleiner Blockabsatz perfekt, denn die sind sicherlich bequemer und auch perfekt für die „Bierbankgaudi“ in der Käfer-Schänke. Die Stilettos bitte eher im Schrank lassen.

 Was für Schuhwerk trägt der Herr? Gehen z.B. auch Chucks?

Definitiv der Haferlschuh. Ich persönlich finde Chucks unpassend, bitte nur vor dem Studium. Wenn, dann lieber noch Clocks oder Bergstiefel.

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Spannungsfeld Tradition/Moderne – Wie „modern“ kann/darf man Tracht interpretieren – was geht, was darf, was muss?

Das ist natürlich jedem selbst überlassen. Ich finde beim Mann gibt es da noch weniger Spielraum. Aber zum Trachtenhemd einen passenden Pullover (z.b. von Gottseidank) zu tragen, finde ich in Ordnung. Aber ein Blouson, weiße Sneakers oder eine Baseballcap sind definitiv unpassend. Bei den Damen geht natürlich viel. Nur bitte keine schlechte Landhausmode. Und nach der Jugend definitiv knieumspielende Rocklänge. Aber ich finde, solange das Oktoberfest nicht zum kunterbunten Laufsteg wird, ist alles erlaubt. Mit den Damen-Lederhosen hab ich mich inzwischen abgefunden, aber ich plädiere definitiv für das Dirndl und den Dirndl-Rock.

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Tracht im Alltag modern/stylisch interpretiert – Wie sieht ein moderner alltagstauglicher Trachtenlook für dich aus?

Ich hoffe, dass die Tracht eh mehr im Alltag getragen wird. Selbst in München ist es traurig, dass die meisten nur zur Wiesn-Zeit die schönste Mode der Welt tragen. Also lebt mit der Tracht… Und bei den Männern: je mehr Biergartengeschichten die Lederhose erzählen kann, um so schöner ist sie. Auch als Erbstück. Also es geht sowohl der komplette Trachtenlook, aber auch der fesche Janker zur Jeans oder zum Leinenrock.

Welcher Stil gefällt dir persönlich am besten: Streng und hochgeschlossen oder offenherzig und romantisch?

Da kann ich mich nicht entscheiden. Ich denke, auch da darf die Trägerin ihre Persönlichkeit unterstützen und solange es Tracht ist, gefällt es mir einfach am besten.

Welche Designer/Persönlichkeiten inspirieren Dich?

Es gibt in der Mode natürlich die Trendsetter wie Vetements oder Givenchy, ich aber liebe Traditionsmarken mit einer eindeutigen DNA wie Hermès, Windsor, Chanel, Kiton, Ermenegildo Zegna, Etro, Gucci oder Ferragamo. Die schaffen es aber auch zeitgemäß zu bleiben. Persönlichkeiten: natürlich meine Mutter, mein Freundeskreis und Menschen, die ihre Bekanntheit auch nutzen, um Gutes zu tun.

Welche Persönlichkeit würdest du gerne einmal „trachtig“ stylen?

Da gibt es viele, aber als Soul-Liebhaber sicherlich Beyoncé, sonst Lady Gaga, Gisele Bündchen, Angela Merkel, Caro Daur, Bill Clinton, Robbie Williams, Peter Lindbergh (sehenswert übrigens die Ausstellung „From Fashion to Reality“ in der Kunsthalle München) oder auch Topmodel Ollie Edwards.

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Woher kommen die Inspirationen für deine Trachtenstylings?

Ich gehe einfach mit offenen Augen durch die Welt und versuche immer respektvoll mit der Tracht umzugehen. Die aktuelle Mode fließt immer mit ein, aber ich suche auch auf Flohmärkten und in anderen Kulturen.

Vielen Dank, lieber Oliver, für den spannenden Einblick in deine Trachtenwelt!

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